Psychologie Philosophie und Religion eine Einheit?
In einem Interview der Journalisten Arnfrid Schenk und Ulrich Schnabel in der Zeitschrift „DIE ZEIT“ sagt der Religionssoziologe Detlef Pollack: „In fast allen Ländern geht sowohl die Bindung an die Kirchen zurück als auch die individuelle Religiosität. Ein Extrembeispiel sind die Niederlande: In den 1960er-Jahren waren sie das Land mit der höchsten Kirchgänger-Rate Europas. Heute machen dort die Konfessionslosen mehr als 70 Prozent aus.“

Yoga hat radikal andere Sichtweise
Yoga im Verständnis eines spirituell orientierten Lehrers wie Selvarajan Yesudian lässt hier eine radikal andere Sichtweise zu. Und da erscheint das Thema ganz grundsätzlich in einem anderen Licht. In seinem Buch „Steh auf und sei frei“ schreibt Yesudian im Vorwort: „Wie es keine Trennungslinie gibt zwischen Körper, Gedanken, Seele und Geist, so betrachtet man in Indien die drei Begriffe Psychologie, Philosophie und Religion nicht getrennt, sondern als eine Einheit: Der Name dieser ganzheitlichen Betrachtungsweise ist YOGA. – Yoga ist eine Wissenschaft, ein Wissen verbunden mit Weisheit, das allein durch die eigene Erfahrung bewiesen werden kann.“ Selvarajan Yesudian: Steh auf und sei frei S. 15 – Drei Eichen Verlag.
Zählen wir nur mal im deutschsprachigen Raum psychologische und philosophische Fakultäten, Psychologen und Psychotherapeuten sowie Philosophen zusammen. Zählen wir philosophierende Physiker wie Hans-Peter-Dürr, Werner Heisenberg, und Albert Einstein noch hinzu. Und nehmen wir das ganze Yogageschehen, selbst wenn es oftmals nur fitness-orientiert daherkommt, dazu, dann lautet das Ergebnis: wie zu allen Zeiten sind die Menschen auf der Suche nach sich selbst bzw. nach dem Sinn des Lebens.
Woher kommt aber die scharfe Trennung zwischen Wissenschaft, Psychologie, Philosphie und Religion in der westlichen, modernen Weltbetrachtung? Und wie kann ein Yogalehrer wie Yesudian mit einem Federstrich darüber hinweggehen? Ganz einfach: Der Westen betrachtet mit den Katagorien des Verstandes und der Vernunft. Seine Betrachtung ist eine Äußere, von den Dingen und der physikalischen Welt ausgehende Betrachtung. Dagegen Yesudian: „Die Methode des Orientalen ist das Erleben.“ Yesudian – Haich, Yoga und Schicksal Drei Eichen Verlag S. 28.
Pranayama und Prana – Atempause

Der moderne Mensch versucht mit dem Verstand die Welt zu ergründen. Yogaübende machen unmittelbare Erfahrungen über Prāņāyāma. Ihr Zugang ist der Zugang zu Prāṇa – der Urkraft, aus der alles entsteht, die alles formt und die alles zusammenhält. Und das heißt, über den Atem sich und dann die Welt zu erleben – und das Heraustreten aus beiden Veranstaltungen in der Atempause. Meditation verändert den Blickwinkel. „Gerade die mystische Erfahrung hat häufig weitreichende Folgen. Manche von ihr betroffene Atheisten sind plötzlich verstört, weil sie gegen ihre Weltanschauung plötzlich das vermeintlich Göttliche erfahren haben. Andere Menschen entscheiden sich, ins Kloster zu gehen oder sich ganz andere Lebensziele zu setzen.“ Christian Weber, Meditation in Samstag/Sonntag, 27./28. Dezember 2014; Nr. 297 Süddeutsche Zeitung
Analogie zur modernen Physik
Der spirituelle Yoga kommt der eher atheistisch orientierten Moderne insofern entgegen, als hier nichts geglaubt werden muss. Und schon gar nicht werden irgendwelche Sanktionen für abweichende Meinungen in Aussicht gestellt. Und Yoga lässt die Frage nach einem Schöpfergott völlig offen. Hier gibt es eine Analogie zur modernen Physik: Sie beschreibt Naturgesetze und die Entwicklung des Universums seit dem Urknall vor etwa 14 Milliarden Jahren. Wer aber hat da geknallt und warum? Diese Frage finden viele Physiker höchst interessant, geben aber gerne zu, sie innerhalb der Physik nicht beantworten zu können. Traditionelle Yogins setzen in der Regel den Geist an die erste Stelle und sagen der Atman in uns, unsere Seele, ist unvergänglich, nur der Körper wird abgegeben. Aham, das zeitlich gebunden Ich, ist vergänglich.

Ob aber jede Seele für sich am Ende steht, ob wir alle Eins sind und am Ende wieder werden, oder ob es gar einen Hauptakteur/Hauptakteurin gibt, der oder die Regie führt, die Frage bleibt offen. Vielleicht gibt es dafür in der Welt der Worte auch gar keine Antwort. Möglicherweise gibt es als Antwort nur das eigene Erleben.
Verlieren können wir aus Yogasicht nichts. Der Atman ist und bleibt. Eventuell verlieren wir etwas Zeit im Vordergründigen. Aber Zeit, das lehrt die Physik, ist am Ende doch auch etwas Relatives. Für die Frage nach dem woher, wer und warum, bleibt viel persönlicher Spielraum.
Das Unvergängliche in uns ist jenseits aller Worte. Jedes Wort, jeder Begriff ist Teil der Welt. Jeder Versuch der begrifflichen Beschreibung des Unvergänglichen wie „Seele“, „Selbst“ oder „Atman“ bleibt daher unzulänglich, irreführend oder mindestens problematisch. Dennoch sind Worte als Umschreibungen von etwas, das jenseits aller Begrifflichkeit gründet wahrscheinlich unverzichtbar. Eingebettet in einen bestimmten Weg oder innerhalb einer bestimmten, eventuell auch wissenschaftlichen Betrachtungsweise gehören sie aber dazu.

